Philosophie

Ausgangspunkte

«Nachhaltigkeit» ist eine regulative Idee, die das Streben nach einem solidarischen und zukunftsfähigen «guten Leben» anleitet. Dazu gehört für mich die Bekräftigung der kulturellen Errungenschaften Offene Gesellschaft (K.R. Popper), Demokratie, Soziale Marktwirtschaft und lebendige Zivilgesellschaft und die Aufforderung zu ihrer Weiterentwicklung vor dem Hintergrund neuer historischer Herausforderungen. Es sind dies insbesondere die weiterhin zunehmenden ökologischen Gefährdungen, die sich verschärfenden Ressourcenknappheiten und die vielfältigen Prozesse des globalen Wandels.

Es geht um die Sicherung und Weiterentwicklung des Projektes Würde des Menschen, Freiheit, Frieden, Demokratie und Soziale Marktwirtschaft. Diese Werte sind ebenso gefährdet wie die natürliche Umwelt. Nachhaltigkeit ist nach diesem Verständnis keine elitäre oder revolutionäre Vision. Sie gehört zum Kernbestand unseres Gesellschaftsverständnisses.

«Nachhaltigkeit» ist die Idee. «Nachhaltige Entwicklung» ist der Prozess zu ihrer Realisierung und gleichzeitig der Ausdruck eines ganzheitlichen Entwicklungskonzepts. Zentrales Element dieses Konzepts ist die Freiheit.

Nachhaltige Entwicklung als Freiheit

Was sollen wirtschaftliche und soziale Entwicklung eigentlich bewirken? Und unter welchen Voraussetzungen findet erfolgreiche Entwicklung statt, was also ist der Kern von Entwicklung? Dies sind die Grundfragen, die sich durch das Werk des Ökonomen Amartya Sen ziehen, des Trägers des Ökonomienobelpreises 1998. Auf beide Fragen lautet die Antwort: Freiheit. Nach dieser Auffassung ist Entwicklung der Prozess der Ausweitung der menschlichen Freiheiten. Freiheit ist also einerseits ein Selbstwert. Das heißt:

Nachhaltige Entwicklung als Prozess erhöht die Freiheitsräume der Menschen – nicht nachhaltige Entwicklung schränkt sie ein.

Freiheit ist andererseits ein Instrument: Durch Freiheit wird Entwicklung möglich. Dabei müssen im Sinne von Sens Konzeption zumindest fünf instrumentelle Freiheiten gleichermassen ernst genommen und entwickelt werden: Politische Freiheiten, ökonomische Freiheiten, soziale Freiheiten (v.a. soziale Durchlässigkeit), Transparenz und soziale Sicherheiten. Letztere zwei sind eher Aspekte der Befähigung zur Freiheit als Freiheiten an sich. Ich füge einen weiteren Aspekt hinzu: Gerechtigkeit.  Alle gehören untrennbar zusammen. Sie stehen in einem komplementären Verhältnis zueinander, sind prinzipiell nicht substituierbar. Dieses Ensemble generiert Entwicklung im umfassenden Sinne über den engen Wohlstandsbegriff (Sozialprodukt) hinaus. Ausgeschlossen sind demnach Absolutsetzungen der einen Freiheiten (z.B. der wirtschaftlichen) zu Lasten anderer (z.B. der politischen Freiheiten oder der sozialen Sicherheit). Das heisst:

Politische, ökonomische und soziale Freiheit, Transparenz, soziale Sicherheit und Gerechtigkeit sind die Grundvoraussetzungen für einen erfolgreichen gesellschaftlichen Reflexions-,  Such-, Lern- und Gestaltungsprozess in Richtung Nachhaltigkeit – also: in Richtung Offenhaltung und weiterer Öffnung menschlicher Freiheitsräume.

Damit sind demokratisch-marktwirtschaftliche Systeme gemeint! Sie sind ein Wert an sich. Und sie befähigen prinzipiell dazu, (1) früh neue Herausforderungen und Chancen zu erkennen, zu kommunizieren und Lösungen zu erarbeiten, und sie sind (2) selbst entwicklungsfähig. Aber diese Fähigkeiten müssen genutzt und kultiviert werden.

Gefährliche Polarisierungen

Die Nähe von Nachhaltiger Entwicklung zu Demokratie und Marktwirtschaft ist Chance und Gefahr zugleich. Chance, weil man auf dem bestehenden Fundament aufbauen kann und muss. Gefahr jedoch, dass man sich bereits auf dem Weg Richtung Nachhaltigkeit wähnt. Es geht dann nur noch um kleine Modifikationen von altbekannten wirtschaftlichen und politischen Rezepten und bequemen Routinen. Tiefergehende Fragen stellen sich nicht. Reflexion bleibt aus.

Die Leitidee Nachhaltigkeit verkümmert so zu einer untergeordneten Aufgabe. Nachhaltige Entwicklung erschöpft sich in beschwichtigender Symbolik, Ignoranz oder allenfalls in ökologischen und sozialen Nachbesserungen von überholten Konzepten in Wirtschaft und Politik. Das Motto dieser Position lautet: «Marktwirtschaft und Demokratie führen automatisch zu Nachhaltigkeit, wir sind bereits auf dem richtigen Weg». Diese Haltung spielt der entgegengesetzten, ebenso extremen Position in die Hände, nach der Marktwirtschaft und Demokratie als reformunfähig erfahren werden und damit als prinzipiell unverträglich mit einer Nachhaltigen Entwicklung gelten.

Eine gefährlich unfruchtbare, fundamentalistische Polarität prägt den politischen und wirtschaftlichen Diskurs. Auf der einen Seite ökologischer Alarmismus, der bereit ist, Marktwirtschaft und Demokratie zu opfern (radikal aus einer ideologischen Position heraus oder pragmatisch durch konzeptionslosen Interventionismus). Damit wird die Zerstörung der instrumentellen Voraussetzungen für eine Nachhaltige Entwicklung in Kauf genommen. Auf der andern Seite Ignoranz gegenüber den Herausforderungen unserer Zeit, oder Bagatellisierung. Die Probleme werden nicht nur nicht gelöst, sondern als Kollateralschaden werden Marktwirtschaft und Demokratie noch tiefer in die Legitimationskrise gestossen, in der sie schon stecken.

«Alarmismus versus Bagatellisierung» ist eine von vielen Polaritäten, wenn auch eine, die die heutige Nachhaltigkeitspolitik besonders prägt. Weitere sind beispielsweise: «arm versus reich», «jung versus alt», «Tradition versus Innovation», «innen versus aussen» oder «risikoavers versus risikofreudig». All diese Polaritäten definieren das Kraftfeld, in dem die Auseinandersetzungen um Nachhaltige Entwicklung stattfinden. Sie gehen quer durch die wissenschaftlichen Disziplinen und gesellschaftlichen Funktionsbereiche wie Wirtschaft, Politik, Kultur hindurch.

Lösungen für die Zukunft

Jenseits blockierender Polaritäten geht es um reflektierte Weiterentwicklungen von Demokratie und Marktwirtschaft im Zeichen der Designprinzipien:

  • Reflexivität: Für ganzheitliche Wahrnehmung von Problemlagen, Entwicklungschancen und Lösungen!
  • Kreativität & Innovation: Für ein Klima der Kreativität und Handlungsanstösse in Richtung Nachhaltigkeit!
  • Selbstorganisation, Partizipation & Kooperation: Für handlungsfähige KooperationspartnerInnen!
  • Konfliktregelung: Für vorausschauenden Umgang mit Interessenskonflikten!
  • Gesellschaftliche Selbstbeschränkung und Vorsorge: Für einen konstruktiven Umgang mit absoluten Knappheiten!

Es sind dies unverzichtbare Talente freiheitlicher Gesellschaften, die aber gezielt genutzt, weiterentwickelt oder überhaupt erst entdeckt werden müssen.

Es geht auch um tiefgreifende Innovationen innerhalb von Demokratie, Zivilgesellschaft und Marktwirtschaft. Der Bogen spannt sich vom

  • Lebensstil über
  • Geschäftsmodelle zu
  • politischen und zivilgesellschaftlichen Strategien.

Herausgefordert sind alle gesellschaftlichen Handlungsfelder und ihre Akteure, insbesondere: Wirtschaft, Politik, Bildung & Wissenschaft und Zivilgesellschaft.